SUSANNE WIDL

 

SUSANNE WIDL


„Was für ein Gesicht. So ein Gesicht”, so oder so ähnlich rufen die Menschen unwillkürlich aus, seit Jahrzehnten, wenn sie Susanne Widl, Besitzerin des legendären Cafe Korb, angesichtig werden. La faccia, the face. Dieses Gesicht zeigt sie nicht nur Gästen im Cafe Korb, sondern hat sie auch zahlreichen Büchern, Filmen, TV- und Videoproduktionen, Fotografen, Modeschauen, Magazinen und Performances zur Verfügung gestellt. In einer künstlerischen Transformationsarbeit sondergleichen stellte sie 1988 Mary Shelley und Mae West, Ada Lovelace und Linda Lovelace, Unica Zürn und Claretta Pedacci (1975, Dolce Duce) auf die Bühne. So sehr ist ihr Gesicht ihr eigen, Spiegel ihrer Seele und ihres Lebens, dass sie es auch anderen Leben verleihen kann. Mannequin in London, Mailand und New York (bei Bloomingdales), Filmschauspielerin in Rom, Theaterschauspielerin und Fotokünstlerin in Wien, Covergirl, Postergirl, Fotomodell, Werbefilme, Werbeplakate in Europa und Nordamerika, Unternehmerin (Cafetiere) in Wien. Was für eine soziale Transformationsarbeit.

Ihre Entdefinitionen und Umschreibungen sozialer Codes, vom Dress Code bis zum Geschlechter Code, sorgten immer wieder für Irrungen und Wirrungen. 1980 erschien sie als erste Frau auf dem Wiener Opernball im Frack und verwirrte den Geist des deutschen Außenministers Genscher so sehr, dass er ihr auf die Damentoilette folgte, worüber das deutsche Massenblatt „Bild” berichtete. 1969 verwirrte sie das Herz von Burt Lancester, mit dem sie und Peter Falk in Sidney Pollak's Film „Castle Keep” in Jugoslawien drehten, was zu internationalen Presseberichten fühlte. Ahnliche Pressekonfusionen, -irrtümer und -irritationen gab es 19.. um Peter Falk, Inspector Columbo, und Susanne Widl. In einer stilbildenden TV-Werbung für Mineralwasser hat sie nicht nur Eddie Constantines Sinne belebt. Immer wieder wurde sie von österreichischen Regisseuren, ob komödiantisch oder dramatisch, z.B. in „Qualtingers Wien” (19..) von Heinz Sicheritz, oder in Copis „L’Homosexuelle” (1970) inszeniert von Hans Gratzer, als sexueller Attraktor, der Chaos hervorruft, eingesetzt.

In Widls Welt schufen Spannungen Spielräume. Differenzen mit Familie, Schule, Milieu, offizieller Kultur führten zu Spaß, Subkultur, Stil, Protest, die sich durch Kleidung, Make up, Beruf, Frisur, Tanz, Bewegung, Accessoires, Sprache, Verhalten, inszenatorisch ausdrückten. Das Leben wurde ihr zum Catwalk, Studio, Laufsteg, Set, zur Bühne für ihre privaten und öffentlichen Auftritte, professionellen Performances, persönlichen Exerzitien, in denen sie sich gegen die natürlichen und sozialen Zwangsjacken und Codes, Verhaltensregeln und Mechanismen auflehnte, die unsere Gesellschaft zum Gefängnis machen: den Körper als Kostüm der Natur, die Persona als Maske der Gesellschaft, ein normatives Modell des Menschen. Ob Modeschau oder Museum, Straße oder Staatsoper, Club oder Galerie – alle öffentlichen Räume bildeten die Plattform für ihre decouvrierenden Performances, die mediale und soziale Konstruktionen von Realität und Identität implodieren ließen. Eine Kunstfigur, die auf Konstruktionen des Natürlichen blicken ließ. Wiens einziger weiblicher Dandy von Rang. „Eine femme fatale, eine der letzten”, schrieb Elfriede Jelinek.

Als Schauspielerin, Künstlerin, Kunstsammlerin, Muse, Mäzenatin, Förderin, Prinzipalin war und ist Susanne Widl immer Avantgardistin, Vorreiterin. Sie ist nicht nur eine Kunst- und Perfomance-Pionierin, sie ist auch eine Mode-Pionierin. Sie hat immer als eine der ersten die neueste Mode nach Wien gebracht, poppige Outfits mit Plateau-Sohlen und Schulterpolstern in den 60er Jahren, elegante Strenge, klassische Schlichtheit in den 90er Jahren, „Avantgardistin in Sachen Extravaganz” (Profil). Nicht nur als Person, auch als Schauspielerin hat sie sich dem Wandel verschrieben. „Sie wartet mit einer Skala von Ausdrucksmöglichkeiten auf, für die man sonst drei Schauspielerinnen braucht”, schrieb die Tageszeitung „Kurier”. Deshalb wirkt sie fremd und doch vertraut, wie es niemand besser als Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, eine verwandte Seele, beschreiben konnte: „Susanne, die Filmschauspielerin, Performance-Künstlerin und Tochter des Hauses, eine dämonische Schönheit, soll sich hier von mir gefeiert sehen, zwischen den Schlucken, die ich von Säften und Schokoladen nehme, lieber wäre mir Kaffee, wie es sich gehören würde, den vertrage ich aber leider nicht. Ich schaue mir die Susi an und bewundere sie, so eine Frau sieht man selten und noch dazu in so einer Umgebung, wie wir sie beide schon als Kinder gekannt haben. ... Alles ist uns vertraut, aber Susanne ist dazu noch, für andere, exotisch, exotisch und doch auch wieder vertraut. Das heißt: Sie sieht so aus, als könnte man ihr nicht vertrauen, denn sie ist eine femme fatale, eine der letzten die ich kenne, aber ich vertraue ihr trotzdem, weil ich sie zum Glück ja kenne. Sie gleitet zwischen den Schuhen der Gäste hindurch. Ein Fels auf Schlittschuhen, denke ich mir, denn so etwas habe ich ja noch nie gesehen. ... Wer das Cafe Korb kennt, der geht immer wieder hin. Man kann dort den besten Apfelstrudel der Stadt essen, wenn man noch kann. Vielleicht kann man nicht mehr, weil man von dem ausgezechneten Essen schon vorher voll gewesen ist. Ein Glück, dass dieses schöne Lokal einst eröffnet worden ist, herzlichen Dank dafür.” Elfriede Jelinek, Huschhusch ins Korb!, in: Petra Neumann, Wien und seine Kaffeehäuser, Heyne München, 2003, 3. Auflage, S.243-245.